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Zum Tod von Hildegard Wohlgemuth

Von Beatrix Brunelle.

Was die Begegnungen mit Hildegard Wohlgemuth ungewöhnlich machte, war ihre besondere Art den anderen wahrzunehmen, und auf ihn zuzugehen. Hildegard war als Mensch offen und direkt – und was mir besonders gut gefiel – begabt mit einer ordentlichen Portion Humor, der in mancherlei Anekdoten ungebremst zum Ausdruck kam.

Die BettelköniginEntscheidend für ihr Leben und ihre Einstellung zu anderen Menschen war sicher der frühe und besonders schmerzliche Verlust in Kindertagen, als sie die Bombardierung eines Kinderheims als einzige ihrer Kindergruppe überlebte, während sich unter den vielen Opfer alle ihre kleinen Freundinnen und Freunde aus ihrer Heimat befanden. Damals war sie mit vielen anderen indern von Ostpreußen nach Leipzig evakuiert worden. Diese kleinen Spielgefährten hat sie zeitlebens nicht vergessen können. Ihren Tod konnte sie wohl zuerst nicht verstehen, dann wollte sie ihn nicht akzeptieren und so lebten diese Kinder einfach in ihrem Kopf aber auch konkret in ihrem Leben fort.

Man diagnostizierte bei ihr Schizophrenie, u. a., weil nur sie weiter die Stimmen ihrer kleinen toten Freunde hörte. Als ich sie vor zwei Jahren in Hamburg besuchte, faszinierte mich die kleine Begebenheit, die sie mir in diesem Zusammenhang erzählte. »Ab und zu bekomme ich Ärger, wenn ich Bus fahre«, erklärte sie mir, »denn nicht jeder will oder kann verstehen, dass neben mir noch einer meiner kleinen Freunde von damals sitzt und deshalb der Platz neben mir besetzt ist«. Mich berührten ihre Worte sehr, denn sie werfen ein helles Licht auf einen Menschen, der das Andenken an seine kleinen toten Freunden einfach weiter bewahrt und mit diesen ganz konkret und selbstverständlich weiterlebt.

In dem Kinderbuch »Die Bettelkönigin« von Irene Stratenwerth und Thomas Bock – ein Buch über und mit Bildern von Hildegard Wohlgemuth – ist auch von diesen Kindern die Rede. Ein Buch übrigens, das Hildegards Art zu leben und zu denken getreu und sehr authentisch wiedergibt. Man erfährt darin u.a., dass sie als Bettlerin auf der Straße lebte und entledigt sich problemlos und leicht allen gängigen Vorstellungen und Klischees über obdachlos gewordene Menschen.

Malen war das Ausdrucksmittel, durch das sie sich besonders gut mitteilen konnte, und wodurch ihr Leben in mehrfacher Weise Sinn bekam. Sie stieß übrigens ziemlich spät und rein zufällig darauf. Eine Malerin sprach die damals obdachlose Bettlerin an und nahm sie mit zu sich nach Hause. Und schon bald entdeckte Hildegard, wie viel Freude sie selber, aber auch andere an ihren Bildern hatten.

Als Hildegard erkannte, dass sie durch ihr Malen auch Geld verdienen konnte, rief das auch ihre Selbstlosigkeit auf den Plan. Sie hatte wohl schon immer gut mit anderen teilen können. Deshalb war sie gern bereit nicht nur für ihre Tochter und ihre Enkelkinder da zu sein, sondern auch anderen wie z. B. bei uns in Freiburg dem Verein »Obdachloser Frauen« durch den Verkauf ihrer Bilder unter die Arme zu greifen. Denn wer konnte schließlich die Probleme, Hoffnungen und Wünsche dieser Frauen besser verstehen als Hildegard Wohlgemuth? Man benannte hier sogar einen Preis nach ihr. Personen sollten damit ausgezeichnet werden, die sich besonders verdient um Freiburgs obdachlose Frauen gemacht hatten.

Am 11.11.2003 ist Hildegard Wohlgemuth im Alter von 70 Jahren in Hamburg gestorben. Für mich war sie ein besonders liebenswerter Mensch, den ich genauso wenig vergessen möchte wie sie ihre kleinen toten Freunde aus dem Kinderheim. Und ich bin mir ganz sicher, dass alle, die sie gekannt haben und mit mir um sie trauern, ganz ähnlich empfinden und das genauso sehen.

Beatrix Brunelle