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Erich Wulff

Irrfahrten

Autobiographie eines Psychiaters

Edition das Narrenschiff
1. Auflage, Bonn 2001
ISBN 978-3-88414-301-8
630 Seiten
29.90 € / 43.50 sFr
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Kurzinformationen

Er öffnete als erster eine geschlossene psychiatrische Abteilung und betrieb die Aufhebung der Geschlechtertrennung – lange vor der Psychiatriereform. Er engagierte sich gemeinsam mit Franco Basaglia und anderen internationalen Psychiatern für eine Demokratisierung der Psychiatrie. In den 70er und 80er Jahren zählte Erich Wulff zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen – nicht nur als Psychiater, sondern auch als Autor und Aktivist für die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Seine Autobiografie gibt Einblicke in ein bewegtes Leben mit manchen »Irrfahrten« und lässt gleichzeitig bedeutende politische Ereignisse der letzten 40 Jahre Revue passieren.

Der 1926 in Estland geborene Arztsohn Erich Adalbert Wulff wird als Jugendlicher noch in die letzten Aufgebote des Krieges gezogen, überlebt und gerät während der Nachkriegswirren nach Westfalen. In Köln beginnt er, Medizin und Philosophie zu studieren, gefolgt von Lehr- und Wanderjahren in Frankreich und Deutschland. In Paris – das sein neuer Lebensmittelpunkt wird –, bewegt er sich in Künstler- und Intellektuellenkreisen und freundet sich eng mit Julio Cortazar an.
1961 geht er als Arzt und Hochschullehrer ins damalige Südvietnam, bekommt Kontakt zum Vietcong und anderen oppositionellen Kreisen und beginnt, Informationen über Mord und Folterpraktiken des damaligen Regimes außer Landes zu schmuggeln. Diese Erfahrungen veröffentlicht Erich Wulff in dem Buch »Vietnamesische Lehrjahre«, das 1968 bei Suhrkamp erscheint und wichtige Anstöße liefert für die von breiten Kreisen getragene internationale Bewegung gegen den Vietnamkrieg.

Als Psychiater arbeitet Wulff in Gießen, Freiburg und Marburg, öffnet als erster Arzt in leitender Position die Türen einer geschlossenen Abteilung und betreibt die Aufhebung der Geschlechtertrennung – Ende der 60er Jahre, weit vor jeglicher Psychiatriereform. Früh trifft er mit Franco Basaglia zusammen, mit dem er eine Gruppe von internationalen Psychiatern ins Leben ruft, die sich der dringend gebotenen Reform der Psychiatrie in ihren Ländern verschrieben haben.

Sein gesellschaftspolitisches Engagement, seine publizistische Arbeit – in den 70ern ist er u.a. Mitherausgeber der marxistischen Zeitschrift »Das Argument« – und seine radikalreformerische fachliche Haltung machen ihn in den folgenden Jahren zu einem der bekanntesten deutschen Intellektuellen – was seiner beruflichen Karriere allerdings nicht förderlich ist.

So dauert es bis 1974, bis er, obwohl längst habilitiert und seit 1968 professeur associé an der Universität Paris (Vincennes), an der Medizinischen Hochschule Hannover den Lehrstuhl für Sozialpsychiatrie erhält.

Erich Wulffs bewegtes Leben ist untrennbar verbunden mit seiner wissenschaftlichen Arbeit: Noch heute sind seine Arbeiten zur Ethnopsychiatrie und seine Strukturanalysen des Wahnsinns grundlegend.

Im vorliegenden Buch beweist er einmal mehr seinen Mut: Vorbehaltlos erzählt er nicht nur vom Gelingen, sondern auch vom Scheitern im eigenen Leben.

Resonanz

Dietrich Marquardt in Sozialpsychiatrische Informationen: »Die schöne, präzise, nie unnötig komplizierte Sprache des Autors macht das Buch zu einer angenehmen, anregenden Lektüre. In den letzten Kapiteln wird der Fluss des reflektierenden Berichts durch Auszüge aus Briefen und Reden Wulffs unterbrochen... Der wunderschöne Abschnitt über Wulffs Pariser Begegnung mit den Bildhauer Alberto Giacometti, kurz vor dessen Tod, ist ein kleines Juwel in diesem bemerkenswerten Buch, das in einem elegischen, vom Abschied nehmen geprägten Ton geschrieben ist.«

Stichworte: Wulff, Psychiatriegeschichte, Sozialpsychiatrie, Psychiater, Biographie